„In einem Boot“

in einem bootDamit die einen ĂŒberleben, mĂŒssen die anderen sterben. Grace ist frisch verheiratet mit Henry Winter, einem jungen Mann aus reichem Hause, als sie sich am Vorabend des ersten Weltkriegs auf der Zarin Alexandra einschifft. Doch nach einer mysteriösen Explosion sinkt der Ozeandampfer, und Henry erkauft seiner Frau einen Platz in einem Rettungsboot. Den Naturgewalten schutzlos ausgeliefert, treibt das ĂŒberladene Boot wochenlang auf offener See. In einer AtmosphĂ€re aus Misstrauen und unterdrĂŒckter Aggression stellen sich existentielle Fragen. Sollen die StĂ€rkeren sich opfern, damit die SchwĂ€cheren ĂŒberleben können? Oder besser umgekehrt? Wer darf das entscheiden? Und sitzt Grace ĂŒberhaupt zu Recht in diesem Boot? Grace ĂŒberlebt die Katastrophe, findet sich aber Wochen spĂ€ter vor einem Gericht in New York wieder. Die Anklage lautet auf Mord. // (Klappentext)

  • Broschiert / eBook
  • Verlag: script5 (2013)

Zur Autorin: Charlotte Rogan arbeitete als Architektin, ehe sie anfing zu schreiben. Viele Sommerurlaube im Kreis einer Familie voll passionierter Segler inspirierten sie zu In einem Boot, ihrem ersten Roman. Nachdem sie mit ihrer Familie lange Zeit in Dallas gelebt hatte, zog es sie wieder ans Meer. Heute wohnt sie mit ihrem Mann in Westport, Connecticut. (Quelle: Klappentext)

Verspricht mehr als es halten kann.

Inhalt, Aufbau & Perspektive: Anfangs musste ich sofort an „Titanic“ denken; wie in dem Film die Rettungsboote zu Wasser gelassen werden und sich die Passagiere hineindrĂ€ngen, um zu ĂŒberleben. Und in dem Roman von Charlotte Rogan geht es vor allem um die Tage auf dem Meer. Es ist ein Bericht der Ich-ErzĂ€hlerin und Hauptprotagonistin Grace. Im Prolog erfahren wir bereits, dass sie angeklagt wird. Die Verbindung zum Geschehen nach der Zeit auf dem Rettungsboot wird erst im letzten Teil geklĂ€rt.
Davor geht fast wirklich die ganze Zeit nur um das Rettungsboot, selten um die Zeit auf dem Schiff zuvor. Das macht das ganze Ereignis eindringlicher und wichtiger, weil es einzig und allein ums Überleben geht. Allerdings erfĂ€hrt man so auch wenig von den Menschen, wie sie vor dem UnglĂŒck waren. Die Hauptakteure werden zwar deutlich vorgestellt, aber ich hĂ€tte mir noch mehr Tiefe gewĂŒnscht, mehr vielschichtigere Charaktere.

Schreibstil: Stilistisch und handwerklich super, allerdings waren die Beschreibungen der GefĂŒhle sehr kalt und fast schon zu perfekt formuliert – es kam nichts rĂŒber, sodass ich kein MitgefĂŒhl fĂŒr die Protagonisten hatte entwickeln können. Dies wird auch dadurch erzeugt, dass man wie schon erwĂ€hnt die meisten Personen nicht nĂ€her kennen lernt.
Gut dargestellt war zwar, wie sich die Menschen verhalten, wenn es ums Überleben geht; dass jeder plötzlich ein Feind sein könne und man nicht mehr weiß, wem man noch trauen könne und wem nicht; und welche VerĂ€nderungen auf so einem Rettungsboot entstehen könnten, wie wirre Gedanken und TagtrĂ€ume, aber es war nicht so intensiv und stark, wie ich es mir erhofft hatte. Es bleibt ein Bericht.

Fazit: Die Idee ist zwar recht spannend umgesetzt, aber mehr Tiefe bei den Charakteren und GefĂŒhlen wĂ€re schön gewesen. (MJ 2014)

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Lieblingszitate:

»Was mich in dieser Nacht am meisten beschĂ€ftigte, war die Überzeugung, dass der Mensch, wenn er eine Wahl traf, sich kaum jemals zwischen Richtig und Falsch entschied oder zwischen Gut und Böse. Ich hatte begriffen, dass die Alternativen, die der Mensch vor Augen hatte, oft viel unklarer und schwammiger waren und dass es keine Hinweisschilder gab, die den besten Weg aufzeigten.« (S. 188)

»Ich hatte Gelegenheit, mir die metallisch glĂ€nzende WasserflĂ€che anzuschauen, das dumpfe Glitzern der Sonne auf den Wellen. Mir zog der Gedanke durch den Sinn, dass jeder, der auf die glĂ€nzende FlĂ€che gejagt wurde, einfach aufstehen und davonlaufen wĂŒrde, froh und glĂŒcklich, dem Boot und der verrohten und stinkenden Menschheit darin entkommen zu sein.« (S. 234)

»Die Grenze zwischen Schlafen und Wachen war undeutlich geworden, und ich war niemals ganz sicher, was ich getrÀumt und was ich wirklich erlebt hatte.« (S. 316)