„Gesichter“

gesichterFamilienurlaub auf einer griechischen Insel. Auf der RĂŒckreise wird der Neurologe Gabor Lorenz am Hafen von Patras Zeuge, wie ein junger Mann auf einen Lastwagen springt, um unbemerkt auf die FĂ€hre zu gelangen, mit der auch Lorenz und seine Familie nach Italien ĂŒbersetzen. Das Bild lĂ€sst Lorenz nicht mehr los. WĂ€hrend der Überfahrt sucht er den Mann und wirft eine TĂŒte mit Lebensmitteln in den Laster, in dem der Fremde sich versteckt. Zu spĂ€t fĂ€llt ihm ein, dass sich darin auch Postkarten mit seiner Berliner Anschrift befinden. Es dauert eine Woche, bis die erste dieser Karten bei Familie Lorenz ankommt, abgestempelt in Modena. Kurze Zeit spĂ€ter die zweite – mit MĂŒnchner Poststempel. Da weiß Lorenz, dass der FlĂŒchtling nĂ€her kommt, dass er auf dem Weg ist zu ihm. Ein diffuses GefĂŒhl von Bedrohung schleicht sich in Lorenz’ Alltag, das sich als Misstrauen in alle Lebensbereiche frisst. â€șGesichterâ€č ist ein großer Roman, ein spannendes Seelendrama, das davon erzĂ€hlt, wie jemand alles aufs Spiel setzt, weil er nicht in der Lage ist, sich selbst zu erkennen. // (Klappentext)

  • Broschiert / eBook
  • Verlag: Dumont (2013)

Zum Autor: „Andreas SchĂ€fer, 1969 in Hamburg geboren, ist deutsch-griechischer Herkunft. Er wuchs in Frankfurt/Main auf und lebt heute als Schriftsteller und Journalist mit seiner Familie in Berlin.“ (Quelle: Klappentext)

Inhalt: Hauptprotagonist Lorenz Gabor hilft einem blinden Passagier bei der Überfahrt, verliert seine Postkarten bei ihm und diese werden ihm nach und nach geschickt: Der Fremde kommt nĂ€her.
Es geht einerseits um mehr, andererseits um weniger, als der Klappentext verrĂ€t. Die UmstĂ€nde zeigen ein Drama, das im Grunde vorher bereits existierte. Mir kam es so vor, als gĂ€be es verschiedene Themen und Richtung in dem Roman, die dadurch alle nur angerissen werden konnte. Die BeschĂ€ftigung mit der Gesichtswahrnehmung, das familiĂ€re Drama im Hause Lorenz, der fremde Passagier, das berufliche Voranstreben – schöne Ideen mit interessanten Handlungen und Gedanken, aber nicht genug Tiefe.

Idee & Umsetzung:  Spannende Idee, aber an der Umsetzung haperte es. Wie Gabor sich verfolgt fĂŒhlt und wie der fremde Mann plötzlich ĂŒberall auftaucht, das fand ich super beschrieben. Die stĂ€ndige Anwesenheit des Fremden, der durch seine Anwesenheit sogar Gabors Karriere sabotiert.
Aber am Ende bleiben zu viele Fragen offen, da die Story in eine andere Richtung weiterfließt, mit der man nicht gerechnet hatte, und dafĂŒr das eigentliche Thema vernachlĂ€ssigt wird.

Aufbau & Stil: Der Roman fĂ€ngt ruhig an, die Personen werden vorgestellt, das Umfeld und was Gabor in seinem Beruf eigentlich genau macht. Prosopagnosie – Gesichtswahrnehmung und Gesichtserkennung – ist das Hauptthema von Gabor Lorenz. Dabei gibt es einige interessante Gedanken dazu.
Die eigentliche Story mit den Postkarten wird zur Mitte hin ziemlich spannend, dass ich kaum das Buch aus der Hand legen konnte, flacht aber auch schnell wieder ab.
Der Stil ist recht gut, nur die Satzstellung und die ZeitsprĂŒnge am Anfang verwirrten mich. Besonders als die Familie auf der FĂ€hre ist und sich die Zeit beispielsweise mit Geschichten von den Nachbarn mischt, wusste ich nicht, wo die Familie sich denn jetzt im Augenblick ĂŒberhaupt befinde. Auch an anderen einzelnen Stellen wusste ich nicht immer, um was es ging, weil die Satzstellung eine Zweideutigkeit zuließ.

Fazit:  Gute AnsÀtze mit Luft nach oben. Da wÀre noch mehr drin gewesen. (MJ 2014)

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Lieblingszitate:

»Die interessantere Frage war doch: Warum können wir Gesichter ĂŒberhaupt wiedererkennen? Gesichter, die wir zwanzig oder dreißig, manchmal sogar fĂŒnfzig Jahre nicht gesehen haben, aufgedunsene, abgemagerte oder in die Breite getriebene Gesichter, die ihren Charakter verĂ€ndert haben: das Bindegewebe erschlafft, Wangen eingefallen, Nasen und Ohren vergrĂ¶ĂŸert, und trotzdem – wusch! – ein Blitz der Erkennens, dreihundert Millisekunden schnell, und die bekannte Person tritt aus der Menge hervor. Als trĂŒge jeder, verborgen in seinen verĂ€nderbaren ZĂŒgen, sein persönliches Urgesicht mit sich herum, eine Matrix aus Winkeln, AbstĂ€nden und Proportionen, eine rĂ€tselhafte Mischung aus signifikanten Merkmalen, ihren VerhĂ€ltnissen und einem damit verbundenen Ausdruck, dem die StĂŒrme der Zeit nichts anhaben können.« (S. 75)

»Wie ein unbeteiligter Beobachter wunderte er sich darĂŒber, was zwischen Menschen, die nichts voneinander erwarteten, möglich war, wĂ€hrend sich irgendwo tief in ihm riesige SchaufelrĂ€der durch ein Erdreich fraßen und auf einen Ort zubewegten, den er sich als seine Zukunft dachte. Die unwirkliche Langsamkeit dieser Verwandlung kam nicht in Einklang mit der Schnelligkeit, mit der die Semester rasten, eine PrĂŒfung der nĂ€chsten folgte. Selbst wenn er gewollt hĂ€tte, die FliehkrĂ€fte waren zu groß, seine Furcht, nach den Schwierigkeiten mit dem Physikum den Anschluss zu verlieren.« (S. 109)