„Der Mond flieht. Eine Sommergeschichte“

der mond fliehtWie jedes Jahr verbringt Lauri den Sommer in Latvala, einem Dorf hoch oben im Norden Finnlands, auf dem Bauernhof seines Onkels Eino. Er hilft bei der Heuernte und auf der Weide und trĂ€umt sich zusammen mit seiner Cousine Sonja und Cousin Leo in eine geheimnisvoll-sinnliche Parallelwelt. Hier haben die Steine Seelen, der Fluss wird zum Refugium, eine riesige alte Fichte hat mystische KrĂ€fte. Die AnfĂŒhrerin und Meisterin der drei ist die schöne, ungestĂŒme Sonja. Sie stachelt Lauri und Leo zu immer neuen beglĂŒckenden, bedrohlichen Dingen an. Sie verleiht ihnen das GefĂŒhl, zu fliegen. Aber dann geschieht die Katastrophe, und plötzlich bestimmt unendliche Trauer die langen Sonnentage mit ihren harzigen DĂŒften, den MĂŒckenschwĂ€rmen, den frenetischen Vogelstimmen… Ein kleines Meisterwerk, das mit kristallklarer Sprache und seltener PrĂ€zision eine verstörende GefĂŒhlswelt einfĂ€ngt. // (Klappentext)

  • Broschiert/eBook
  • Verlag: Graf (2014)

Über den Autor: „Rax Rinnekangas, geboren 1954 in Rovaniemi, Finnland, ist einer der bekanntesten KĂŒnstler Finnlands: Als Schriftsteller, Filmemacher, Fotograf und Visual Artist ist er auch der vielseitigste. Sein Roman DER MOND FLIEHT wurde mit dem Finnischen Staatspreis ausgezeichnet und in mehrere Sprachen ĂŒbersetzt.“ (Quelle: Ullstein Buchverlage)

Cover & Titel: Das eher schlichte Cover passt gut zu der finnischen Landschaft. Im Nachhinein finde ich es auch passend gewÀhlt, dass keine Menschen darauf abgebildet werden. Es charakterisiert die Natur, die VergÀnglichkeit. Und der Titel dazu verdeutlicht die Poetik des Schreibstils.

Inhalt & Stil: »Auf den Tod nahmen wir keine RĂŒcksicht. Wir kannten ihn nicht und dachten auch nicht an ihn, bis er in jenem Sommer in unser Leben trat.«
Mit diesen beiden SĂ€tzen beginnt der Roman und sie zeigen auch schon deutlich das Thema von diesem Roman: Der Tod, der Verlust eines nahestehenden Menschen. Auch handelt es aber von der Leichtigkeit eines Sommers in Finnland, der Freundschaft zwischen drei Jugendlichen und der Liebe. Trotzdem finde ich den Zusatztitel „Eine Sommergeschichte“ unpassend. Auch der Kommentar von Ruthard StĂ€blein „Eine ideale LektĂŒre fĂŒr den Sommer“ (HR2 Kultur, 15.07.2014), mit dem geworben wird, finde ich irrefĂŒhrend.
Die Traurigkeit zwischen den Zeilen ist allgegenwĂ€rtig, es ist kein lockerer Sommerroman, trotz der KĂŒrze und dem fließenden Schreibstil, durch den man den Roman innerhalb weniger Stunden durchlesen kann. Ich selbst las ihn fast in einem StĂŒck. Aber die Dunkelheit bleibt zurĂŒck.
Die Kindheit, die Leichtigkeit, das Leben auf dem Land: Nur eine ErzĂ€hlung in einer perfekten Jahreszeit, bis plötzlich alles vorbei ist und die glĂŒcklichen Stunden im Morast versinken.

Charaktere: Die Dreiecksgeschichte von Sonja, ihrem Bruder Leo und Lauri ist seltsam und verstrickt; dazu kommt die Frage: Wer trĂ€gt die Schuld an diesem einen UnglĂŒck, wenn ĂŒberhaupt jemand Schuld hat? Was passiert mit ihnen, wenn die GefĂŒhle sie innerlich zerreißen?
Sonja ist die stĂ€rkste Person und blieb mir lebhaft in Erinnerung. Sie reißt die beiden mit, ist sehr enthusiastisch und besitzt viel Fantasie. Sie wirkt als das tragende Element der Geschichte.

Ein Wort zum Übersetzer: Stefan Moster ist selbst Autor. Empfehlenswert ist sein Roman „Die Frau des Botschafters“.

Fazit: Kurz, einprĂ€gsam, schmerzvoll, dramatisch – mehr als Literatur. (MJ 2014)

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Lieblingszitate:

»Gerade das Schicksal ist es, das Menschen zu VerrĂŒckten macht.« (S. 19)

»Sie war schön und distanziert, warm und hochmĂŒtig, verschwiegen und lebhaft – alles zugleich. […] In den Pausen streunte sie vertrĂ€umt umher, mit offenem blonden Haar, allein, bis sie sich dazu herabließ, aufzuwachen und sich den anderen anzuschließen. All das gestand man ihr zu, denn man sah Sonja an, dass sie eine außergewöhnliche Person war, eine, die zu einer Einsamkeit verurteilt war, aus der man sie nicht retten konnte, was sie aber auch gar nicht gewollt hĂ€tte.« (S. 30)

»Weißt du nicht, dass alles Leblose auf der Welt ebenso lebendig ist, wie wir lebendigen Menschen es sind? So wie es die Steine sind. Wenn man aufhört, das Leblose zu ehren, hat man auch keinen Respekt mehr vor dem Lebendigen.« (S. 38)

»Ich war sicher, dass der Tod das Lachen stahl.« (S. 92)

»In Wirklichkeit gibt es fĂŒr den Menschen nur ein Mittel, richtig zu bereuen und Schuld zu empfinden: in echte Trauer zu geraten. Und echte Trauer entsteht nur durch einen endgĂŒltigen Verlust, durch den Tod eines nahestehenden Menschen. Alles andere ist vollkommen nutzlose Selbstzerstörung, weil sich das GefĂŒhl immer auf das Lebendige richtet.« (S. 114)

»Du sollst trauern, Lauri, aber denk daran, dass auch die Trauer nichts nĂŒtzt. Wenn der Grund fĂŒr die Trauer im Grab liegt, muss der Trauernde weiterleben.« (S. 116)

»Wenn man einen Schatten bekommt, wĂ€chst der Schatten auch. […] Die Liebe ist von allen Schatten der lĂ€ngste.« (S. 158)