Interview mit Michael Iwoleit: Über das Schreiben

michael-iwoleit_fotoMichael K. Iwoleit wurde 1962 in DĂŒsseldorf geboren und lebt heute in Wuppertal. Er absolvierte eine Ausbildung als Biologisch-technischer Assistent, studierte einige Semester Philosophie und Germanistik und arbeitete zwei Jahre am Botanischen Institut der UniversitĂ€t DĂŒsseldorf. Seit 1989 ist er freier Autor, Übersetzer, Kritiker und Herausgeber vor allem im Bereich Science-Fiction und Phantastik, daneben arbeitet er als Texter und Übersetzer fĂŒr Werbung und IT-Industrie. Er ist MitbegrĂŒnder und -herausgeber des deutschen Science-Fiction-Magazins Nova und MitbegrĂŒnder des internationalen Science-Fiction-Ezines InterNova. In der Science-Fiction-Szene ist er vor allem fĂŒr seine Novellen bekannt, fĂŒr die er viermal mit dem Deutschen Science-Fiction Preis und zweimal mit dem Kurd-Laßwitz-Preis ausgezeichnet wurde. Daneben ist es als Veranstalter, Aussteller und Elektronikmusiker in der 3d-Internet-Welt Second Life aktiv. Seine jĂŒngste Buchveröffentlichung ist die Essaysammlung Reductio ad absurdum (Verlag Dieter von Reeken, 2015).

Kunst ab einem gewissen Anspruch kann man nicht nebenbei betreiben. Es ist eher anders herum: Man betreibt das Leben nebenbei. (Michael Iwoleit)

Zuallererst: Wie sehen deine aktuellen Projekte aus? Wird es eine neue Geschichtensammlung oder eine Novelle von dir geben und kannst du bereits verraten, um was es konkret gehen wird?

Ich habe im Oktober meinen Roman Der Moloch abgeschlossen, der voraussichtlich im nĂ€chsten Jahr bei Fabylon erscheinen wird, eine Romanfassung meiner Novelle gleichen Titels, die 2008 mit dem Kurd Laßwitz Preis ausgezeichnet wurde. Im Gegensatz zu meinem Roman Psyhack, ebenfalls die Ausarbeitung einer Novelle, hat der Roman mit der Kurzfassung allerdings nur die Grundidee und einige SchauplĂ€tze gemein. Handlung und Figuren sind weitgehend neu. Das Buch spielt in einem Deutschland der nahen Zukunft und handelt von der Aufdeckung einer großangelegten Verschwörung, die den bio- und neurotechnischen Mißbrauch von Slumbewohnern zum Ziel hat.

Wegen einiger gesundheitlicher Probleme warten zwei andere Buchprojekte noch auf ihre Fertigstellung. Meinen Roman In situ, der bei Begedia vorgesehen ist, habe ich soeben neu in Angriff genommen. Das Buch handelt von einem Wissenschaftler, der eine ethisch zweifelhafte Möglichkeit entdeckt, seine todkranke Frau zu retten, und stellt detaillierte Spekulationen ĂŒber die Möglichkeiten der kĂŒnstlichen Intelligenz und Evolution an. Ebenfalls in Arbeit ist eine neue Kurzgeschichtensammlung, die eine Auswahl meiner Stories aus jĂŒngerer Zeit enthĂ€lt. FĂŒr dieses Buch möchte ich allerdings noch zwei Hard-SF-Stories und eine neue Novelle schreiben, deshalb wird sich die Fertigstellung wohl noch bis Mitte des nĂ€chsten Jahres hinziehen.

Recht weit gediehen ist auch die 25ste Ausgabe des Magazins Nova, das ich gemeinsam mit Olaf G. Hilscher im AmrĂ»n-Verlag herausgebe. Der Inhalt steht bereits fest, die Stories sind an die Illustratoren verteilt. In KĂŒrze geht’s ans Lektorat. Ich glaube, wir können unseren Lesern eine interessante Ausgabe versprechen.

 

Meine persönliche Lieblingsfrage: Brauchst du eine bestimmte Stimmung, eine AtmosphÀre, in die du dich hineinversetzen musst, um zu schreiben? Liest du beispielsweise erst einige Minuten in deinem bisherigen Text, um wieder in die Story reinzukommen? Oder brauchst du Musik? Wenn ja, welche?

Ich brauche zum Schreiben eine gewisse Isolation. Ich dunkle mein Arbeitszimmer ab oder schreibe eher in den Nachmittags- und Arbeitsstunden (was unter Autoren nicht ungewöhnlich ist). Ich kann auch nicht ĂŒberall schreiben, sondern brauche meine gewohnte Umgebung mit den BĂŒchern und der Hardware, die ich tĂ€glich benutze. Weil ich ein Mensch bin, der generell leicht abgelenkt ist und manchmal einige Zeit braucht, um einen prekĂ€ren Zustand der Konzentration zu erreichen, hat es bei mir nie geklappt, mich mit einem musikalischen Background zu inspirieren. Wenn ich Musik höre, höre ich ausschließlich Musik und habe den Kopf nicht frei fĂŒr andere Dinge.

Meine Schreibsitzungen beginnen meist damit, daß ich die bisherigen Teile eines Kapitels bzw. die Abschnitte, an die sich eine neue Szene anschließt, noch einmal lese. Das hilft mir nicht nur, wieder in Stil und AtmosphĂ€re des Textes hineinzufinden, sondern auch, aus einem gewissen Abstand Korrekturen und Verbesserungen vorzunehmen, was bei einem taufrischen Text nicht so einfach ist. Es ist keine Übertreibung, wenn ich behaupte, daß ich jede Seite, die ich veröffentliche, mindestens zehn- bis zwanzigmal gelesen habe. (Unter uns: auch das bewahrt einen nicht vor Fehlern.)

 

Ein Titel sollte die Neugier wecken, die Spannung steigern, vielleicht sogar das Hauptthema benennen, ohne zu viel zu verraten. Hast du Tipps fĂŒr den perfekten Titel und gibt es ĂŒberhaupt so etwas wie einen perfekten Titel?

Ich mache mir darĂŒber nicht viele Gedanken. Der Titel steht bei mir meist schon fest, bevor ich mit der Konzeption einer Geschichte oder eines Romans fertig bin. Ich persönlich mag gern suggestive oder paradoxe Titel, die einem Leser RĂ€tsel aufgeben, welche Art von Geschichte sich dahinter verbergen könnte. FĂŒr mich als Leser ist die ideale Voraussetzung fĂŒr ein Leseerlebnis, wenn ich vor der LektĂŒre ĂŒberhaupt nichts ĂŒber die Story weiß und ĂŒberrascht werde. Aus dieser Perspektive sollte der Titel nicht zu viel verraten.

 

Was denkst du persönlich von KapitelĂŒberschriften? Hilfreich und spannungsaufbauend oder eher spoilerhaft und unnötig?

Soweit ich sehe, sind KapitelĂŒberschriften weitgehend aus der Mode gekommen. Die meisten Autoren nummerieren die Kapitel einfach durch oder sparen sich jede explizite Kapitelkennzeichnung. ZeitgemĂ€ĂŸ kann man KapitelĂŒberschriften vielleicht noch da einsetzen, wo sie eine distanzierende oder ironische Ebene in den Text einbringen, z.B. bei einer Satire, oder bei nostalgisch angehauchten Genres wie z.B. dem Steampunk, wo KapitelĂŒberschriften helfen können, eine bestimmte Stimmung oder AtmosphĂ€re zu etablieren.

 

Es gibt viele Tipps und ErklĂ€rungen, welche der vier Perspektiven denn eigentlich die Beste sei und fĂŒr welche Textart eine ganz genau die Richtige sei. Ob nun auktorial als allwissender ErzĂ€hler, personal aus der Perspektive einer bestimmten Person, neutral ohne kommentierende und wertende Aspekte oder in der Ich-Perspektive. Was ist deine Meinung dazu? Und in welcher Perspektive schreibst du persönlich am liebsten?

Es gibt keine Perspektive, die die „beste“ oder die „richtige“ ist. Er gibt nur ErzĂ€hlperspektiven, die mehr oder weniger angemessen sind, der Geschichte, dem Stoff, dem Entwicklungsstand der Charaktere, der jeweiligen Szene und welche Wirkung sie erzielen soll. Es kann einem Autor nur zustatten kommen, wenn er hier möglichst viele ModalitĂ€ten beherrscht und vor allem in der Lage ist, eine ErzĂ€hlperspektive durchzuhalten und nicht mitten in einer Szene zwischen den Perspektiven zu springen.

Ich bin ein ausgesprochener Kurzgeschichtenliebhaber, und einige der besten Stories, die ich kenne, erzielen ihre Wirkung gerade dadurch, daß sie verschiedene ErzĂ€hlperspektiven und Textformen in ein und derselben Story kombinieren. Nehmen wir James Tiptree jr.s „The Screwfly Solution“ (dt. „Schmeißfliegen“), eine großartige Story, die in erster, zweiter und dritter Person geschriebene Abschnitte enthĂ€lt und stilistisch so unterschiedliche Techniken wie auktoriale ErzĂ€hlung, Brief, Tagebuch, Bericht und innere Monologe anwendet. Es gehört fĂŒr mich zu den interessantesten und aufregendsten Merkmalen der erzĂ€hlerischen Literatur, welche Vielzahl von Mitteln sie anwenden kann, um einer ErzĂ€hlung neue Aspekte abzugewinnen. Autoren, die immer nur in einem platt realistischen Modus erzĂ€hlen, als sei dieser niemals fragwĂŒrdig geworden, langweilen mich auf Dauer.

Ich selbst habe lange Zeit immer am besten in der ersten Person geschrieben. Das hat mir geholfen, mich besser in die Hauptperson einzufĂŒhlen. Irgendwann mußte ich aber ĂŒber meinen Schatten springen und versuchen, auch andere ErzĂ€hlperspektiven zu meistern. Der Prozeß ist noch lĂ€ngst nicht abgeschlossen. Es gibt noch viele andere erzĂ€hlerische Möglichkeiten, die ich bisher selten bis nie genutzt habe. Ich möchte in Zukunft nicht nur inhaltlich, sondern auch formal abwechslungsreicher werden.

 

Das Gleiche mit den Zeiten: Schreibt man nun in der Vergangenheit oder in der Gegenwart? Und welche Vorteile haben die jeweiligen Zeiten? Ist es wirklich so, dass die Gegenwart nĂ€her am Geschehen dran sei? Und wie sieht das in der Praxis bei der Vergangenheit mit den RĂŒckblenden aus? Sollte man einfach den ersten Satz im Plusquamperfekt schreiben, dann weiter im PrĂ€teritum, und den letzten Satz der RĂŒckblende wieder im Plusquamperfekt?

Hierauf kann ich eine Ă€hnliche Antwort wie auf die vorige Frage geben: es ist eine Sache der relativen Angemessenheit. Es hĂ€ngt vom Konzept einer Story/eines Romans ab und welche Wirkung an einer jeweiligen Stelle erzielt werden soll. Ich halte nichts von RatschlĂ€gen in der Art: dies oder jedes darf man in einer ErzĂ€hlung auf keinen Fall machen. Man kann in der Literatur grundsĂ€tzlich alles machen, es fragt sich nur, in welchem Kontext. Der Autor muß von Fall zu Fall pragmatisch entscheiden: was soll der Leser in einer jeweiligen Szene sehen/erleben und welche Mittel sind die richtigen, um die gewĂŒnschte Wirkung zu erzielen? Möchte ich den Leser auf Distanz rĂŒcken oder ins Geschehen verwickeln, möchte ich ihm Fragen stellen oder beantworten, möchte ich Informationen vermitteln oder etwas suggerieren, möchte ich Spannung aufbauen oder lösen usw. Es gibt da keine Patentrezepte. Eine ErzĂ€hlung sollte im Idealfall etwas Einmaliges, Unverwechselbares sein, und so sollte auch ein Autor seine persönliche, unverwechselbare Herangehensweise entwickeln, zugeschnitten auf seine Ideen und Stoffe.

Handwerklich ist es sicher ratsam, beim Wechsel zwischen Zeitebenen die Lesbarkeit nicht zu beeintrĂ€chtigen. LĂ€ngere Passagen im Plusquamperfekt lesen sich anstrengend und umstĂ€ndlich. Ich halte es fĂŒr ratsam, die Perfekt-Ebene am Anfang einer jeweiligen Passage ausdrĂŒcklich kenntlich zu machen und dann ins PrĂ€teritum zu wechseln. Bevor man dann wieder in die Gegenwartsebene der ErzĂ€hlung wechselt, kann man durch ein Plusquamperfekt das Ende eines zeitversetzten Einschubs markieren.

 

Fast jeder Autor wird einem sagen, dass man vorrangig viel viel lesen und auch schreiben sollte, wenn man es wirklich draufhaben will. Und themenspezifisch hast du mal gesagt, dass man beispielsweise gute Science-Fiction nur schreiben kann, wenn man die ganzen Vorbilder kennt, die ganzen Ideen, die es bereits gab. Nach dem Motto: Man kann nur Neues erschaffen, wenn man das bereits Vorhandene kennt. Ist das besonders fĂŒr dieses Genre wichtig? Und hĂ€lt es einen Autor nicht davon ab, seine eigenen Ideen wirklich auszuleben? Es gab schon so viele Ideen und die Grundthemen Ă€hneln sich sowieso oft oder sind sich sogar gleich: Geht es dann nicht viel mehr um die Umsetzung?

NatĂŒrlich geht es um die Umsetzung. Aber auch in dieser Hinsicht sind von frĂŒheren Autorengenerationen schon so viele Möglichkeiten ausprobiert worden, daß es nicht einfach ist, eine ĂŒberzeugende eigene Variante zu finden. Wer sich in einer Genre-Literatur betĂ€tigt, schließt sich, ob er will oder nicht, einem Spiel mit Konventionen, Mustern und VersatzstĂŒcken an, und er tut gut daran, diese möglichst grĂŒndlich zu kennen, um nicht sattsam Bekanntes wiederzukĂ€uen. Entweder variiert er eine alte Idee auf ureigene Weise, oder er erzĂ€hlt in einem so originellen, persönlichen Stil, daß die Verwendung einer alten Idee ĂŒberhaupt nicht ins Gewicht fĂ€llt. Nehmen wir als Beispiel Robert A. Heinleins „All You Zombies“ und James Tiptree jr.s „Forever to a Hudson Bay Blanket“, zwei Zeitreise-Stories, die dasselbe Grundmuster eines unauflösbaren Zeitparadoxons nach dem Henne-oder-Ei-Prinzip verwenden: Was war zuerst da? Tiptree erzĂ€hlt ihre Geschichte aber so frisch und spritzig, daß sie aus dem alten, abgegriffenen Muster etwas Neues und Eigenes macht.

Noch zwei Beispiele aus dem Zeitreise-Subgenre: FĂŒr Nova habe ich einmal eine Geschichte angeboten bekommen, in der ein Mann eine Zeitung vom nĂ€chsten Tag findet und ĂŒberlegt, was er damit anfangen soll. Eine so alte, schon tausendmal dagewesene Idee, daß eine Geschichte schon sehr stark erzĂ€hlt sein muß, damit ein erfahrener Leser ihr noch etwas abgewinnen kann. Etwas ganz anderes ist etwa Damon Knights Kurzgeschichte „Anachron“, die am Anfang eine PrĂ€misse einfĂŒhrt, die Zeitparadoxa eigentlich unmöglicht macht, und gerade dadurch am Ende ein um so verblĂŒffenderes Paradoxon herbeifĂŒhrt. Solche Überraschungsseffekte, die auf einem Spiel mit Genrekonventionen und Lesererwartungen beruhen, kann man nur erzielen, wenn man sein Metier wirklich genau kennt.

Anderseits aber, das sei der VollstĂ€ndigkeit halber hinzugefĂŒgt, sollte sich Literatur – auch Genre-Literatur – nicht auf literarische Inzucht und das WiederkĂ€uen und Neuverdauen der eigenen Konventionen und Muster beschrĂ€nken. Autoren zu Anfang des 21sten Jahrhunderts leben in einer anderen Welt als Autoren, die in den Siebzigerjahren aktiv waren. Sie machen andere Erfahrungen, haben andere Wahrnehmungen und Schwerpunkte. Es wĂ€re ein Unding, wenn sich das nicht in der Wahl ihrer Themen, Ideen und Techniken niederschlagen wĂŒrde. Die Geschichte und Konventionen ihres Genres können nicht der einzige Bezugspunkt sein. Sie arbeiten in Auseinandersetzung mit ihrer eigenen Gegenwart. Und das, glaube ich, relativiert das oben Gesagte ein wenig.

 

Wie baut man eine Geschichte auf? Bist du ein Vertreter der Heldenreise [Unter anderem besonders gut erklĂ€rt von Annika BĂŒhnemann] mit ganz bestimmten Stationen oder ist die Hauptsache, dass es spannend bleibt?

Das mythologische Muster der Heldenreise, wie es von dem Amerikaner Joseph Campbell formuliert wurde, ist ja besonders bei Filmleuten beliebt (das Drehbuch des ersten Star-Wars-Films soll Punkt fĂŒr Punkt nach diesem Strickmuster geschrieben worden sein), aber ich halte nicht viel davon. Wer sich an klassischen Mustern orientiert und nicht den Mut hat, eigene Formen zu entwickeln, der landet schnell bei einer Masche. Interessante und originelle Literatur entsteht oft gerade aus einem Bruch mit Mustern und Konventionen. Kann man sich vorstellen, daß ein so ungewöhnlich strukturierter und formal abwechslungsreicher Roman wie Der Wolkenatlas von David Mitchell geschrieben worden wĂ€re, wenn sich der Autor an die Empfehlungen von Creative-Writing-Seminaren oder Hollywood-Drehbuchschulen gehalten hĂ€tte?

Ich selbst versuche beim Schreiben eine Form zu finden, die sich aus dem Stoff ergibt. Man merkt recht schnell, ob sich ein Stoff eher fĂŒr eine lineare ErzĂ€hlung mit einer Hauptfigur oder fĂŒr eine multiperspektivische Geschichte anbietet, welche Figuren und SchauplĂ€tze benötigt werden, um den Background glaubwĂŒrdig abzudecken, ob sich die Ideen einer Geschichte besser aus einer Innenperspektive oder durch eine Ă€ußere Handlung vermitteln lassen usw. usw. Das sind jedenfalls die Kriterien, nach denen ich vorzugehen versuche. Mich an irgendein vorgegebenes Muster, gleich welcher Art, zu orientieren, wĂŒrde hier eher zu einer Verkrampfung fĂŒhren.

 

ZoĂ« Beck hat in ihren Schreibtipps im Crimemag unter anderem geschrieben, dass, wenn man wirklich mit einem Projekt fertig werden will, man erstmal Masse schaffen und danach alles bearbeiten sollte. Wie siehst du das? Abschnitt fĂŒr Abschnitt schreiben und bearbeiten oder wirklich erst die Rohfassung fertig stellen und am Ende bearbeiten?

DafĂŒr gibt es keine allgemeinen Regeln. Es gibt so viele Arbeitsweisen, wie es Schriftsteller gibt, und jeder Autor muß herausfinden, was bei ihm am besten funktioniert. Es gibt eruptive Schriftsteller, die eine neue ErzĂ€hlung wochen- bis monatelang im Kopf mit sich herumtragen, mit der Geschichte regelrecht schwanger gehen, sich den Text dann aber enorm schnell von der Seele schreiben und wenig BedĂŒrfnis nach Verbesserungen oder Überarbeitungen verspĂŒren. Der Krimiautor Georges Simenon war so einer. Etwas ganz anderes sind Autoren, die wie Bildhauer einen Text ĂŒber lange Zeit aus einem Konvolut von Vorstudien und EntwĂŒrfen herausmeißeln, und im Extremfall landen wir dann bei Schriftstellern wie James Joyce oder Thomas Wolfe. Die unterschiedlichen Herangehensweisen erklĂ€ren auch die große Spannbreite in der ProduktivitĂ€t von Schriftstellern. „Eruptive Autoren“ können in kurzer Zeit sehr viel schreiben, sind aber stilistisch eher einförmig, und ihre stĂ€rkeren und schwĂ€cheren Werke unterscheiden sich nur wenig voneinander. Sie können eine große IntensitĂ€t und SpontanitĂ€t erreichen, es geht aber auch leicht etwas schief. In der Science-Fiction ist etwa Barry N. Malzberg ein Vertreter dieses Typus. Die TĂŒftler dagegen streben nach Perfektion. Sie packen sehr viel in einzelne Werke, schreiben aber vergleichsweise wenig und fordern ihren Lesern oft einiges ab. Man kann nicht sagen, daß der eine oder andere Ansatz besser ist. Es ist eine Frage des persönlichen Temperaments.

 

Der Autor Frank Hebben meinte einmal, dass es drei wichtige Bereiche gibt: Entweder es gibt herausragende Protagonisten, eine verdammt gute Handlung oder ein spannendes außergewöhnliches Szenario. Diese drei Aspekte können sich natĂŒrlich bedingen oder eben alleine stehen. Was sagst du dazu?

Ich finde Franks AufzĂ€hlung ein bißchen kurz. Es gibt noch viele andere, mindestens ebenso wichtige Aspekte, die mich an einer ErzĂ€hlung fesseln können: Stil, Dichte, Farbigkeit, AtmosphĂ€re, sinnlicher Eindruck, formale Finesse, Gedankenwelt, historische BezĂŒge, Ironie, menschliche Tiefe usw. Ich mißtraue Allerwelts-Begriffen wie „Spannung“ oder „Unterhaltung“ – sie bedeuten fĂŒr jeden Leser etwas anderes.

 

Ich habe bereits von einigen Autoren gehört, dass das Schreiben wie ein Drang fĂŒr sie sei. Mir geht es nicht anders: Manchmal habe ich das GefĂŒhl, verrĂŒckt zu werden, wenn ich die ganzen Geschichten und EindrĂŒcke nicht aus meinem Kopf bekomme. Glaubst du, dass man nur mit diesem – manchmal schon fast – Wahn schreiben kann?

Autoren neigen dazu, ihrer TĂ€tigkeit eine gewisse Erhabenheit zu verleihen. Sie sprechen von Drang, Berufung, Schaffensrausch und eben auch Wahn. Ich glaube, daß der Drang, das Zwanghafte des Schreibens vor allem fĂŒr AnfĂ€nger eine Rolle spielt und sie dazu treibt, sich von Schreib-Interessierten und sporadisch Schreibenden zu echten Autoren zu entwickeln. Sobald sich ein gewisses Maß an Erfahrung und Können eingestellt hat, merkt man sehr bald, daß Schreiben vor allem eines ist: harte Arbeit. Da muß man die Geschichte, die man im Kopf hat und loswerden möchte, mit so vielen handwerklichen, formalen und inhaltlichen Anforderungen vereinbaren, daß der Drang zum Schreiben nur ein Aspekt unter vielen und sicher nicht der Maßgebende ist. Da sind Sorgfalt, Durchhaltevermögen und Strenge mit sich selbst, glaube ich, von grĂ¶ĂŸerer Bedeutung.

Was man, meiner Meinung nach, im Schreibprozeß idealerweise erreichen kann, wĂŒrde ich mit einem bescheideneren Begriff als Flow-Erlebnis bezeichnen: Wenn man seine Story gut durchdacht, sich auf die geeigneten stilistischen Mittel eingestimmt und einen guten Anfang gefunden hat, kann es dem Autor in raren GlĂŒcksmomenten so vorkommen, als ob der Text sich selber schreibt. Der Autor ist dann nur noch das Medium fĂŒr einen Text, der auf eine wundersame Weise aus einem gut prĂ€parierten Winkel seines Unterbewußtseins fließt. Dieser Zustand kann sehr befriedrigend sein, aber er lĂ€ĂŸt sich nicht erzwingen und setzt eine gute geistige und körperliche Verfassung voraus. Eine Kurzgeschichte kann man vielleicht mal durchweg in einem solchen Flow-Zustand schreiben. Bei jedem lĂ€ngeren Text ist man aber aber unweigerlich mit Durststrecken konfrontiert, wenn Muße und Inspiration sich als launische Biester erweisen. Es ist nicht verkehrt, was man ĂŒber das KĂŒnstlerdasein kalauert: Zehn Prozent Inspiration und neunzig Prozent Transpiration.

 

Es gibt viele Schreibtipps, ganze BĂŒcher darĂŒber. Was sind deine persönlichen ultimaten Schreibtipps, die du einem anderen Autor mit auf den Weg geben wĂŒrdest?

Wenn ich die ultimaten Schreibtipps wĂŒĂŸte, wĂŒrde ich sie vermutlich fĂŒr mich behalten, Millionen scheffeln und mich mit einem Stall Groupies auf die Seychellen absetzen. Ein praktikabler Rat, den neue und erfahrene Autoren beherzigen sollten, ist vielleicht folgender: Mit der Literatur verhĂ€lt es sich Ă€hnlich wie mit der Philosophie – man bleibt ein ewiger AnfĂ€nger (es sei denn, man hieße Shakespeare oder James Joyce). Ein Autor sollte sich seiner Sache nie zu sicher fĂŒhlen. Es sollte nie aufhören, weiter lernen und sich weiter verbessern zu wollen. Ein gewisses Frönen der Eitelkeit und eine Freude an Schulterklopfern und verzĂŒckten Leserreaktionen gehören zum GeschĂ€ft, und ganz ohne wĂŒrde die Sache keinen Spaß machen. Aber danach und darĂŒber hinaus steht es jedem Autor gut zu Gesichte, eine gewisse Demut und Bescheidenheit zu kultivieren: nicht auf die herabschauen, die man ĂŒbertrumpft zu haben glaubt, sondern sich immer neue, noch bessere Vorbilder suchen (das mĂŒssen nicht immer Schriftsteller sein).

 

Und was wĂŒrdest du jungen Autoren raten, deren grĂ¶ĂŸter Traum die Schriftstellerei ist? WĂŒrdest du ihnen empfehlen, das Ziel weiterzuverfolgen, sich ganz dem Schreiben zu widmen, um vielleicht mit extrem viel Fleiß und noch mehr GlĂŒck irgendwann Geld damit verdienen können, sodass es zum Leben reicht, oder wĂŒrdest du ihnen von vorneherein sagen, dass es nur eine Leidenschaft als NebenbeschĂ€ftigung bleibt und sie lieber handfesteren BeschĂ€ftigungen im Alltag nachgehen sollten?

Ich hatte auf Facebook mit einigen Kollegen mal eine Diskussion zu diesem Thema und habe dabei ungefĂ€hr Folgendes geschrieben: Man sollte jungen Leuten, die ihr Leben dem Schreiben oder einer anderen kĂŒnstlerischen TĂ€tigkeit – Musik, Malerei oder was auch immer – widmen wollen, eines unmißverstĂ€ndlich und illusionslos mit auf den Weg geben: Wer seine Kunst mit Ehrgeiz und Anspruch betreibt und nicht ausschließlich kommerzielle Interessen verfolgt, wird aller Wahrscheinlichkeit nach, unabhĂ€ngig von Fleiß, Talent und BefĂ€higung, ein Lebenlang ein mehr oder weniger armer Schlucker bleiben. Die Erfolge, die sich jeder am Anfang seiner Laufbahn ertrĂ€umt, werden wahrscheinlich ausbleiben oder bescheiden ausfallen. Die alte Formel, die jeder AnfĂ€nger einmal nachgebetet hat – erst schreibe ich einen Bestseller und mache einen Haufen Kohle, dann schreibe ich nur noch das, was ich wirklich will – funktioniert nicht. Die Wirklichkeit sieht so aus, daß man sich meist irgendwie mit unkĂŒnstlerischen TĂ€tigkeiten durchschlĂ€gt und möglichst viel Zeit freischaufelt, um das zu machen, was einem am Herzen liegt.

Laut einer Erhebung der KĂŒnstlersozialkasse liegt das Durchschnittseinkommen eines ausgebildeten Konzertpianisten in Deutschland bei etwa 800 Euro. Die meisten bringen sich mit Klavierstunden oder als Barpianisten ĂŒber die Runde, und nur die wenigsten schaffen es in den gutbezahlten Konzertbetrieb. Das ist die Wahrheit des KĂŒnstlerdaseins, alles andere sind seltene Ausnahmen. Wer sich auf ein solches Leben einlĂ€ĂŸt, sollte sich klar machen, ob er es wirklich will, ob es ihm inneres BedĂŒrfnis ist. Kunst ab einem gewissen Anspruch kann man nicht nebenbei betreiben. Es ist eher anders herum: Man betreibt das Leben nebenbei.

Schade wĂ€re es natĂŒrlich, wenn sich niemand mehr auf diesen Irrsinn einlassen wĂŒrde. Oder wie ich es gern ausdrĂŒcke: Es ist immer traurig zu sehen, wenn ein talentierter junger Mensch vom unrechten Weg abkommt, etwas AnstĂ€ndiges lernt und das BohemĂš-Leben gegen eine gesicherte Existenz mit geregeltem Einkommen und Rentensanspruch eintauscht. Aber meine schreibenden Kollegen und ich wissen: Wir können sie nicht alle retten.

Vielen Dank fĂŒr das Interview!