Rezension: „Das Morgen ist immer schon jetzt“

Was, wenn man NICHT einer der Außerwählten ist, wie sie immer in den Büchern beschrieben werden? Wenn man nicht der Held ist, der sonst üblicherweise die Zombies bekämpft, oder die Seelenesser oder was immer gerade das nächste unheilbringende Wesen sein mag, das die Welt bedroht. Was, wenn man einer ist wie Mikey? Der einfach nur seinen Abschluss hinbekommen möchte und zum Schulball gehen und vielleicht irgendwann den Mut aufbringen, Henna um ein Date zu bitten – bevor irgendjemand die Schule in Schutt und Asche legt. Wieder mal. Denn manchmal gibt es stinknormale Probleme, die echt wichtiger sind als der nächste Weltuntergang, und angesichts derer man erkennt, dass das eigene ganz normale Leben absolut einzigartig und außergewöhnlich ist. // (Klappentext)

 

Verlag: cbj (27.06.2016)

Der Autor Patrick Ness lebt seit Ende der 90er in London und arbeitet dort als Literaturkritiker für die Tageszeitung The Guardian. Aufgewachsen ist er in den Vereinigten Staaten und auf Hawaii. Er bekam mehrere Preise für seine Kinder- und Jugendbücher, unter anderem den Deutschen Jugendliteraturpreis 2012. (Quelle: Random House)

»Ernsthaft. Erwachsene. Wie kommen die eigentlich in unserer Welt zurecht?« (Mike, S. 36)

Übersetzt aus dem Englischen von Petra Koob-Pawis, die Anglistik und Germanistik an der Uni Würzburg studierte und seit 1987 freiberuflich für verschiedene Verlage als Lektorin und Übersetzerin arbeitet. (Quelle: Arena Verlag)

»Die Indie Kids, hm? Es gibt sie auch an deiner Schule. Die Clique der coolen Freaks mit ihren dazu passenden Haarschnitten und den Secondhandklamotten und den Vornamen aus den Fünfzigern. Sie sind nicht fies, eigentlich sogar nett, aber immer trifft es ausgerechnet sie, immer sind sie die Auserwählten, die dem Ruf der Vampire folgen oder einer Alienkönigin auf der Suche nach der Quelle allen Lichts helfen. Sie sind viel zu cool, um jemals zum Abschlussball zu gehen oder eine andere Musik als Jazz zu hören, während sie Gedichte lesen. Sie haben ständig irgendwelche Sachen am Laufen, bei der sie die Helden sind. Uns anderen bleibt nur übrig, unser Leben zu leben, von Weitem zuzuschauen und außen vor zu bleiben, meistens jedenfalls. Andererseits sterben Indie Kids sehr häufig jung. Was echt ätzend sein muss.« (Mike, S.22/23)

Das Buch: Aus der Ich-Perspektive berichtet der Hauptprotagonist Mikey die Geschehnisse in einem lockeren Stil, spricht teilweise den Leser direkt an und erschafft dadurch eine noch direktere Perspektive, zieht den Leser mehr in die Geschichte hinein. Vor jedem Kapitel gibt es einen kurzen Absatz über die Ereignisse im fantastischen Bereich. Vor allem am Anfang fand ich es schwer, den Sinn von diesen Voranstellungen zu verstehen, aber mit der Zeit spricht Mikey immer mehr über die übernatürlichen Phänomene in seiner Umgebung, bis sich diese immer weiter in sein Leben und das seiner Freunde mischen.

Es wirkte anfangs wie eine Mischung aus einem Jugendbuch und einer Fantasygeschichte, die sich später miteinander vereinen. Dabei geht es in diesem Roman gar nicht so sehr um die Suche nach dem Sinn, um das Dahinter, sondern mehr um den Moment, um die Bedeutung, wie es ist, jung und im Abschlussjahr zu sein, sich in den letzten Monaten zu befinden, bevor sich alles ändern wird und bevor sich die Wege der Freunde trennen werden.

Abgesehen von den fantastischen Elementen ist „Das Morgen ist immer schon jetzt“ vor allem ein Jugendbuch. Probleme mit den Eltern, die Magersucht von Mikes Schwester, seine eigenen Zwangshandlungen und die unerwiderte Liebe zu Henna, der abweisende alkoholabhängige Vater, die Mutter eine bekannte Politikerin im Wahlkampf und zugleich die Gegnerin eines Politikers, der der Vater von Mikes bestem Freund Jared ist; die Probleme, die hieraus entstehen, sind nur einige Aspekte. Heraus sticht der große Zusammenhalt zwischen den Geschwistern und Freunden. Es ist eine Welt, in der der Umbruch zum Erwachsenendasein eine riesige Grenze darstellt: Die Jugend gegen die Erwachsenen, die scheinbar so gar nichts verstehen; nur zwischendurch gibt es Andeutungen, dass sie vielleicht mehr wissen als sie zugeben, schließlich waren sie selbst mal jung.

»Mit den Narben ist es so«, sagt sie. »Du kannst nichts machen außer sie mit Stolz zu tragen.«
»Sagt das Mädchen mit der makellosen Haut.«
»Sagt das Mädchen, das ihren Zahnschmelz durch ständiges Zwangserbrechen ruiniert hat. Sagt das Mädchen, das weniger Busen hat als ein neunjähriger Junge, weil es sich in einer wichtigen Entwicklungsphase ihres Lebens fast zu Tode gehungert hat. Es gibt verschiedene Arten von Narben, Bruder.« (S. 87)

Zu Beginn des Romans war ich skeptisch, konnte mich nicht ganz darauf einlassen, habe an der Wirklichkeit der Vampire, der Seelenfresser und anderer fantastischer Andeutungen gezweifelt, bis Mike selbst mit seinen Erzählungen und den in der Geschichte folgenden Ereignissen diese Zweifel ausradierte, die Angriffe auf ihn und seine Freunde, die verschwundenen Indie Kids. Vielleicht sind die Zombiehirsche und Mythen aber auch nur Metaphern für die erwachsene Welt. Und vielleicht muss das jeder Leser für sich selbst entscheiden. Die fantastische Ebene steigert auf jeden Fall die Spannung und bietet Raum für verschiedene Interpretationswege.

Fazit: 4/5 Im Vergleich zu anderen ein etwas anderes Jugendbuch, aber vor allem eins, das sich lohnt zu lesen.

»… es ist, als würde ich am Grund eines Brunnens sitzen. Als würde ich in diesem tiefen, tiefen Loch hocken und nach oben schauen, wo nur ein winziger Lichtpunkt zu sehen ist, und um überhaupt gehört zu werden, müsste ich mir die Lunge aus dem Leib schreien, aber selbst, wenn ich das täte, würde ich nur etwas Falsches sagen, oder sie würden mir nicht zuhören, und falls doch, würden sie sich nur über mich lustig machen.« […] »Ich hasse mich. Es kommt mir idiotisch vor, das zu sagen, es klingt so nach Blabla, Teenieangst, schnief, schnief, aber es ist die Wahrheit. Ich hasse mich. Und zwar fast immer. Ich will es niemanden sagen, weil ich keinen damit belasten will, aber ich habe das Gefühl, immer weiter von allen wegzugleiten. Es ist, als würde der Brunnen immer tiefer werden. Als könnte mir jede Minute, jede Sekunde, die Kraft zum Klettern ausgehen. Als wäre es nicht mehr die Anstrengung wert, überhaupt noch einen Versuch zu wagen.« (Mike, S. 235-237)

 

 

Weitere interessante Rezensionen zum Buch findet Ihr hier:

eine positive Meinung auf Lillis Buchseite

und eine sehr kritische Rezi von Kristina auf Tintenmeer.de